Bild SRF/Oscar Alessio, Gebärdensprachdolmetscherin
Inspiration Mein aussergewöhnlicher Job

Beruf Gebärdensprachdolmetscher:in

28.01.2022
von Lisa Allemann

Gabriela Hauswirth ist seit gut 20 Jahren bei der Stiftung procom als Gebärdensprachdolmetscherin sowie seit sieben Jahren als Verantwortliche für die Weiterbildung der Dolmetscher:innen tätig. Daneben betätigt sie sich als Erwachsenenbildnerin, Supervisorin und Coach. Sie liebt ihre vielfältige Arbeit und das Bewirken von mehr Verständnis und Bewusstsein für sich und andere. Im Interview erzählt sie von ihrem aussergewöhnlichen Beruf.

Frau Hauswirth, woher kommt Ihr Interesse am Beruf als Gebärdensprachdolmetscherin?

Schon als Kind hatte ich Kontakt mit einem gehörlosen Mädchen in meinem Tennisteam. Wegen ihr lernte ich bereits mit zwölf Jahren beim Schweizerischen Gehörlosenbund die Gebärdensprache. Ich merkte bald, dass gehörlose Menschen unter sich nicht kommunikationsbehindert sind. Sobald aber hörende und gehörlose Menschen aufeinandertreffen, sind es beide. Hier die Verständigung zu ermöglichen, schien mir schon damals sinnvoll.

In welchen Situationen sind Gehörlose auf Sie angewiesen?

Immer dann, wenn sie nicht eins zu eins von den Lippen lesen können. Was übrigens sehr schwierig ist, da nur rund 30 Prozent der Buchstaben und Worte auf den Lippen sichtbar werden. Der Rest der Laute wird im Rachen gebildet. Somit braucht Lippenlesen sehr viel Konzentration. Gehörlose wie auch hörende Menschen sind immer dann auf Gebärdensprachdolmetscher:innen angewiesen, wenn sie sich sicher und einfach verständigen sowie verstehen wollen. Dies ist heute auch dank des Telefondienstes der procom via Bildtelefon unkompliziert und schnell möglich.

Welche Ausbildung muss man absolvieren, um als Gebärdensprachdolmetscher:in tätig sein zu können?

Die Ausbildung in der Deutschschweiz wird an der Hochschule für Heilpädagogik als Bachelor-Studiengang angeboten. Momentan ist es ein vierjähriges Teilzeitstudium. Das Studium vermittelt Kenntnisse in angewandten Sprach- und Translationswissenschaften sowie in Soziologie und Interkulturalität.

Für wen eignet sich der Beruf?

Der Beruf eignet sich für alle kommunikationsfreudigen Menschen, die sich mit ihren Fähigkeiten in den Dienst anderer stellen möchten, damit diese ihre Ziele erreichen und Bedürfnisse abdecken können. Gebärdensprachdolmetscher:innen sind Hirn- und Herzarbeitende, welche dazu ihren ganzen Körper einsetzen. Somit eignen sich Menschen, die sich auf all diesen Ebenen ausdrücken möchten, schnell und gut Sprachen lernen, verschiedene Kulturen verstehen, Empathie haben und sich abgrenzen können. Eine gute Selbsteinschätzung und differenzierte Selbstreflexion behält sie gesund im Job.

Ist die Gebärdensprache schwierig zu lernen?

Es macht viel Spass, diese ausdrucksvolle Sprache zu lernen. Sie erweitert den eigenen Horizont und fordert uns, visuell in Bildern zu denken. Ansonsten ist sie so schwierig oder einfach, wie es jede andere Sprache auch ist. 

Welche Regeln gilt es zu beachten?

Wenn Sie den Ehrenkodex der Gebärdensprachdolmetscher:innen ansprechen, könnte ich Ihnen einige Punkte davon aufzählen wie Verschwiegenheit, Unparteilichkeit, Übersetzungsgenauigkeit, Pünktlichkeit, Bescheidenheit und Unauffälligkeit. Jedoch ist das Leben nie schwarz-weiss und die Auslegung des Ehrenkodexes nach professioneller Einschätzung eines Settings lässt erst die Fachkompetenz erkennen. Wir sind nicht Maschinen, sondern einfühlsame Wesen mit einem Kommunikationsauftrag: dem Ziel der beiden Parteien zu dienen. 

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ein:e Dolmetscher:in erhält sowohl Aufträge, die schon länger bekannt und damit planbar sind, wie an Arbeitssitzungen, Weiterbildungen als auch Terminen bei Behörden oder Schulen. Jedoch gibt es auch viele kurzfristige Einsätze etwa im Spital, bei der Polizei oder bei Pressekonferenzen des Bundesrates wegen Corona. Somit weiss man am Morgen teils nicht, was der Tag noch alles bringen wird. 

Welche Herausforderungen haben Sie zu meistern?

Eine grosse Herausforderung ist es, beim Betreten eines Dolmetschsettings in kürzester Zeit zu verstehen, um was es dort wirklich geht. Danach gilt es, meinen Platz zu finden, das passende Sprachregister anzuwenden, das Vertrauen der Beteiligten zu gewinnen und ihrem Ziel zu dienen. Das sieht im Kreissaal bei einer Geburt anders aus als bei einem Live-Konzert auf der Bühne oder bei einem Vorstellungsgespräch.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf am besten?

Die Sinnhaftigkeit dieser Arbeit. Mir gefällt es, mit und für Menschen zu arbeiten, Brücken zu bauen und für ein gegenseitiges Verständnis und ein besseres Miteinander zu sorgen.

Was ist das Schönste an Ihrem Job?

Die Menschen in all ihren Farben und Facetten zu erleben und zu staunen, wie vielfältig das Leben auf dieser Erde ist.

Bild SRF/Oscar Alessio

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Über procom

Die Stiftung procom vermittelt Gebärdensprachdolmetscher:innen in allen drei Landessprachen der Schweiz und bietet im Auftrag der Swisscom den Telefondienst VideoCom via Bildtelefon an.

Weitere Informationen: www.procom-deaf.ch

Weiterführende Links:

Schweizerische Gehörlosenbund SGB-FSS: www.sgb-fss.ch

Verein MUX: www.mux3.ch

Eine Antwort zu “Beruf Gebärdensprachdolmetscher:in”

  1. Brunner Marzia sagt:

    Super geschrieben

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