Arbeitsplatz Tatortreinigung
Mein aussergewöhnlicher Job

Arbeitsplatz Tatort

10.08.2022
von Kevin Meier

Ihr Job beginnt, wo andere Reissaus nehmen und Hilfe rufen. Die Sprache ist von Fachkräften der Desinfektion und Tatortreinigung. Für die einen sind dies undenkbare Tätigkeiten, für Paul Tedde und sein Team ist es Alltag. Der Mitbegründer des Berufsfachverbandes HygiA erzählt im Interview von den Höhen und Tiefen.

Paul Tedde, was macht man kurz gesagt in der Desinfektion und Tatortreinigung?

Kontaminierte Räumlichkeiten werden gereinigt und aufbereitet. Es geht darum, die Ausbreitung oder Entstehung eines krankmachenden Erregers – beispielsweise HIV, MRSA, Lassa und Corona – oder einer bakteriellen Belastung wie im Falle einer Kontamination mit Blut zu verhindern.

Wer sind die Kunden von Desinfektions- und Tatortreinigungsunternehmen?

Unsere Kunden sind Private, zum Beispiel Angehörige sowie Ämter, Behörden, die Polizei, Verwaltungen, Arztpraxen, Spitäler und weitere.

Wie sieht ein typisches Vorgehen einer aussergewöhnlichen Reinigung aus?

Es gibt kein typisches Vorgehen: Jeder Einsatz muss im Einzelnen beurteilt und angegangen werden.

Wie kann man gegen Organismen, Erreger und Gerüche vorgehen?

Dies kommt ganz auf den Mikroorganismus an. Viele Faktoren spielen eine Rolle, daher kann man das nicht pauschalisieren. Die Antworten zu folgenden Fragen sind unter anderem von grosser Bedeutung:

Ist es ein Virus, Bakterium oder Pilz?
Besteht eine Meldepflicht?
Ist noch ein Erreger aktiv?

Man lernt, mit den Bildern umzugehen. Paul Tedde

Wie viel Zeit nimmt eine typische Tatortreinigung in Anspruch?

Das ist unterschiedlich. Besteht eine Meldepflicht? Ist es eher kalt oder warm? Wie lange befand sich der Leichnam in der Räumlichkeit? Welches Material ist kontaminiert? Handelt es sich um einen Suizid, Mord, Verbrechen oder um einen Leichenfund? Hier spielen viele Faktoren eine Rolle und müssen daher individuell beachtet werden.

Bei einer Tatortreinigung nach einem Verbrechen ist immer erhöhte Diskretion angesagt. Bis ein Verbrechen zur Tatortreinigung freigegeben wird, kann es unter Umständen mehrere Wochen oder gar Monate dauern.

Inwiefern haben Sie mit Menschen im Umfeld von Verstorbenen zu tun?

Dies ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Manchmal gar nicht, da die verstorbene Person keine Angehörigen hat oder weil diese möglichst wenig mit dem Fall zu tun haben wollen. Es gibt jedoch auch jene, welche den direkten Kontakt zu uns wünschen, damit wir sie bei der Verarbeitung unterstützen können.

Welche Probleme stellen sich bei einem Leichenfundort für die eigene und zukünftige Sicherheit?

Man kann nie zu 100 Prozent ausschliessen, dass keine gefährlichen Erreger vorhanden sind. Bei unsachgemässem Aufbereiten eines Leichenfundes mit stärkerer Kontamination können Keimherde verbleiben. Diese können unangenehme Gerüche verursachen und Infektionsrisiken darstellen. Deswegen ist es wichtig, solche Arbeiten von staatlich geprüften Desinfektor:innen ausführen zu lassen, um sicher zu stellen, dass jegliches Infektionsrisiko eliminiert wurde. Darüber hinaus können staatlich geprüfte Desinfektor:innen ein international anerkanntes Unbedenklichkeitsattest ausstellen.

Man kann nie zu 100 Prozent ausschliessen, dass keine gefährlichen Erreger vorhanden sind. Paul Tedde

Gibt es Situationen, in denen ein Raum nicht mehr bewohnbar gemacht werden kann?

Solche Situationen sind sehr selten, aber es gibt sie. Wenn die Kontaminierung zu stark in die Bausubstanz eindringt, kann es nötig sein, dass ein ganzes Gebäude abgerissen werden muss. Ein guter Vergleich wäre nach einem Brand. Auch wenn das Haus noch steht, könnte es zu gefährlich sein, darin zu leben und muss deshalb als unbewohnbar angesehen werden. Ist es nicht möglich, das Gebäude zu sanieren und unbedenklich für die Gesundheit zu machen, bleibt nur ein Abriss übrig.

Hat die Coronapandemie Ihre Tätigkeiten beeinflusst?

Auf jeden Fall! Vor allem anfangs, als es noch keine Impfungen gab und viele mit der neuen Situation überfordert waren. Für die meisten war dies eine komplett neue Erfahrung, wie auch für uns. Da wir uns jedoch stets an die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts halten, waren wir sehr schnell auf dem aktuellen Stand, um das Coronavirus zu inaktivieren.

Kann man lernen, den eigenen Ekel zu überwinden?

Den eigenen Ekel zu überwinden, ist möglich. Bei Gerüchen ist es allerdings schwierig bis gar unmöglich, sich daran zu gewöhnen.

Ist Ihr Job zuweilen auch eine Belastung?

Schwerarbeit und Epidemieschutz stellen vor allem bei hohen Temperaturen eine enorme körperliche Belastung dar, trotz zahlreicher Sicherheitsvorkehrungen. In manchen Fällen kann auch zu viel Hintergrundwissen psychisch belastend sein.

Wie bringen Sie die furchtbaren Bilder aus dem Kopf?

Die Bilder wird man nicht los. Aber man lernt, damit umzugehen.

Wie verarbeiten Sie den Stress durch den Umgang mit gefährlichen Erregern und unschönen Situationen?

Wir unterhalten uns innerhalb des Teams. Wir helfen und kontrollieren uns gegenseitig und sind auch ausserhalb der Einsätze füreinander da.

Ich mage es, den Vorher/Nachher-Vergleich zu sehen und mich aktiv einzubringen. Anja, CSC Tatortreinigung

Wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen? Was fasziniert Sie daran?

Anja (Mitarbeiterin der CSC Tatortreinigung): Ursprünglich war ich im Büro der CSC Desinfektion und Tatortreinigung tätig. Ich fragte mich, wie es wäre, aktiv an den Einsätzen mitzuwirken. Wie würde ich mich anstellen?

Mir gefällt die Abwechslung. Jeder Tag ist anders und ich weiss nie, was mich erwartet. Zudem mag ich es, den Vorher/Nachher-Vergleich zu sehen und mich aktiv einzubringen. Man hilft Angehörigen in einer sehr schwierigen Situation und nimmt ihnen eine grosse Last ab. Das inspiriert mich.

Tobi (Mitarbeiter der CSC Tatortreinigung): Ich wurde durch einen Kollegen auf den Beruf aufmerksam gemacht, da ich mich generell für die Mikrobiologie interessiere und berufliche Erfahrung darin hatte. Es ist ein sehr abwechslungsreicher Job, der einen täglich vor neue Herausforderungen stellt, da keine Situation der anderen gleicht.

Welche Eigenschaften sollten Desinfektor:innen und Tatortreiniger:innen in mitbringen?

Man muss ein Allround-Talent sein. Handwerkliches Geschick sowie Wissen über Mikrobiologie und Chemie sind Grundvoraussetzungen.

 

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